Der störrische Esel?

Störrische Esel?

Peter Wohlleben (Buchauszug) · 19.03.2015

Beliebtes Vorurteil: der störrische Esel

Esel sind ursprünglich Steppentiere, die aus den heißen Regionen des nördlichen Afrika stammen. Dort haben sie im Verlauf ihrer Entwicklung gelernt, sehr genügsam zu sein. Wenn es zwischendurch einmal für zwei bis drei Tage kein Futter oder sogar kein Wasser gibt – kein Problem. Das würde für ihre weitere Verwandtschaft, die Pferde, schon gefährlich werden. Zudem verbrauchen sie aufgrund ihrer Körpergröße grundsätzlich weniger, sind somit im Unterhalt billiger und gelten als »Pferd des kleinen Mannes«. Weil sie so zäh sind, werden sie oft mit riesigen Lasten bepackt, was ihnen nicht gut tut. Die »Interessengemeinschaft für Esel- und Mulifreunde in Deutschland« empfiehlt, Esel mit maximal 20 Prozent ihres Eigengewichts zu beladen. Das wird in Regionen, in denen Esel als wichtige Transportmittel eingesetzt werden, nicht berücksichtigt. Doch nur bei guter Pflege erreichen sie ihr Höchstalter von 40 Jahren.

Im allgemeinen Gedächtnis ist ein typisches Bild eingebrannt: Es ist ein vollgepackter Esel, der keinen Schritt mehr vor- oder zurückgeht, obwohl sein Besitzer schiebt und zerrt. »Ein störrisches Tier«, könnte man nun vorschnell sagen. Die Ursache für dieses Verhalten liegt jedoch in der besonderen Vorsicht, die Esel walten lassen. Kommt ihnen etwas merkwürdig vor, so bleiben sie erst einmal stehen und überlegen in Ruhe. Erst wenn sie die Situation analysiert haben und zum Schluss gekommen sind, dass keine Gefahr droht, setzen sie den Weg fort. Das ist nicht störrisch, sondern besonnen. In ihrer alten Heimat, in den heißen, steilen Gebirgen, wäre eine kopflose Flucht à la Pferd lebensgefährlich. Und diese Besonnenheit wenden sie auch an, wenn ihre Besitzer merkwürdige Dinge mit ihnen veranstalten (also etwa Gewalt anwenden). Bei artgerechter Behandlung sind Esel dagegen besonders anhängliche Tiere und regelrecht verschmust – so sehr, dass sie sogar als Therapietiere eingesetzt werden.

aus Peter Wohlleben, Die Gefühle der Tiere, pala-Verlag 2014, 160 Seiten mit Illustrationen (S. 142), Grafik: S. 142

http://www.pala-verlag.de/cms/website.php?id=/index/buecher/9783895663376.htm
http://www.peter-wohlleben.de/

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des pala-Verlags.

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