Canvasco – Die perfekte Welle

Marika Muster · 04.10.2015

Auf dem Schulhof, an der Uni und in Szenekneipen sieht man sie: Die Recycling-Taschen von Canvasco. Hergestellt aus alten Segeln von Frauen im Gefängnis. Die Geschichte von Jungunternehmer Jan-Marc Stührmann klingt zunächst wie ein Märchen. Doch jede Tasche beinhaltet auch ein Schicksal.

 

Nach dem Lehramtsstudium ist Jan-Marc Stührmann schnell klar, dass er etwas anderes machen will. Gemeinsam mit einem Gestalter und einem Programmierer aus der Waldorfschulzeit gründet er eine Agentur. Eines Tages kommt die Segelzeitschrift Transocean, die in den 60er Jahren entstanden ist, auf die jungen Bremer zu, um ihr Heft runderneuern zu lassen. Die Herausforderung nimmt Stührmann gerne an – schon deshalb, weil er selbst gerne segelt.

Als Besonderheit sollen die Hefte einen wasserfesten Umschlag bekommen. „Segel müssen alle drei Jahre ausgetauscht werden, deshalb sind sie ein ideales Material für uns“, erklärt Jan-Marc Stührmann. „Also habe ich mir das Auto damit vollgepackt.“ Auf der Suche nach einem geeigneten Verschluss findet der kreative Geschäftsmann bei einem Händler für Zeltzubehör zufällig eine Rolle mit einem breiten Gurt, „schön weich, mit einem Stempel und bis 6000 kg Tragkraft“. Damit werden normalerweise Paletten im Hafen gesichert. Plötzlich kommt dem Nordlicht die Eingebung: „Ich könnte aus den Segeln und Gurten schicke Taschen herstellen.“

Gesagt getan. Eine erste Tasche entsteht auf der Nähmaschine eines Freundes. Dann nimmt alles seinen Lauf. „Jeder Zweite in der Stadt hat mich auf die Tasche angesprochen“, so Stührmann. Schließlich kreiert eine Freundin, die damals Modedesign studierte, drei professionellere Modelle. Doch wo sollen die Taschen hergestellt werden? Asien will der Jungunternehmer nicht: „Zuerst habe ich nach einer Behinderteneinrichtung gesucht, die die Taschen nähen kann, aber das war zu kompliziert. Dann bekam ich den Tipp, beim Frauengefängnis in Vechta nachzufragen.“ Der heute 44-Jährige bestellte daraufhin 50 Taschen und organisierte das Geld dafür. „Das war eine reine Glücksnummer“, gibt er zu, „ich bin ganz schön blauäugig rangegangen, ohne Verstand und habe viele Fehler gemacht. Aber dadurch sind tolle Kontakte entstanden und die Kunden waren nachsichtig mit mir“.

Über den Mitbewohner einer Freundin gelangen die Taschen in die Zeitschrift „Mens health“ und sind bald in sämtlichen Lifestyle-Medien zu sehen. Stührmann surft seither auf der perfekten Welle. Sein Unternehmen Canvasco (canvas = engl. für Segeltuch und “Vasco da Gama, ein Seefahrer) stellt 1.000-1.300 Taschen pro Monat her, darunter 28 verschiedene Produkte vom Kulturbeutel bis zu Taschen aus alten Militärdecken und personalisierten Segeltuchtaschen für Kunden wie „Fritz Cola“ oder „Bionade“.

 

Kurs auf Freiheit

Doch es gibt auch Kritik. Die Herstellung in der Justizvollzugsanstalt (JVA) ist stark subventioniert und die Frauen dürfen maximal 12 Euro pro Tag verdienen. Ist das nicht Ausbeutung? Aus Stührmanns Sicht nicht, denn er bezahlt die gleichen Löhne wie er in umliegenden Nähereien auch zahlen würde. Er hat dadurch keinerlei Vergünstigungen. Im Gegenteil. Durch die Produktion in Deutschland und die Handarbeit sind die Produkte sehr teuer. Aber die Kunden zahlen das gerne, weil die Taschen hip sind und sehr lange halten. Seit 12 Jahren gibt es kaum Rückläufer.

Ein schlechtes Gefühl schwingt aber dennoch immer mit. Auf seiner Internetseite www.canvasco.de betont Stührmann mit zynischem Humor, dass andere für ihn arbeiten, während er davon profitiert: „Keinen Finger mache ich in der Produktion krumm. Und doch gehören mir alle Taschen und nicht den Produzentinnen. Irgendwas stimmt da nicht.“

Obwohl Stührmann nicht mit allem zufrieden ist, was im Gefängnis läuft, ist er sich sicher, dass die Arbeit im Gefängnis nicht nur Langeweile vertreibt, sondern die Frauen auch stolz und selbstbewusst macht. Es ist etwas Besonderes für sie, ein Lifestyle-Produkt zu produzieren, das von den Kunden wertgeschätzt wird. Teilweise können die Frauen auch eigene Ideen in die Gestaltung einfließen lassen. In diesem Sinne bringt er sie ein wenig auf Kurs Richtung Freiheit – zumindest einige. Denn manchmal trifft Stührmann, der die Frauen einmal im Monat besucht, auch auf Wiederkehrerinnen, „leider“, sagt er.

Warum die Insassinnen dort sind, darf der Taschenproduzent übrigens nicht fragen. Eine hat es ihm trotzdem erzählt: Die junge Mutter war wegen eines Tötungsdeliktes hier. „Sie war mir aufgefallen, weil sie nicht rauchte und sehr hilfsbereit war,“ erzählt Stührmann rückblickend. „Sie sagte mir, ich sei der Erste, der sie ernst genommen hätte und schrieb mir später noch Briefe.“ Inzwischen hat sie ein Studium zur Sozialtherapeutin absolviert und arbeitet in einer sozialen Einrichtung. Sie muss nur noch nachts beaufsichtigt werden.

Segel setzen

Um weiter auf Erfolgskurs zu bleiben, entstehen immer neue Produkte. In Menorca kaufte Stührmann beispielsweise 500 Körbe aus Palmblättern und peppte sie mit Segeltuch auf. Nach vier Wochen waren die Körbe ausverkauft. „Sowas freut mich natürlich“, sagt er. Relativ neu sind auch die „Espandrills des Nordens“, wettertauglich mit Gummisohle und Leinendeckel (aber leider nicht aus Recyclingmaterialien). Außerdem gibt es nun auch canvasco urban dogs (über einen Lizenznehmer), mit Halsbändern, Leinen, Kissen und Decken für Vierbeiner. Auch bei den Taschen gibt es immer wieder Neuerungen. An mehreren Kunsthochschulen entwickeln Studenten neue Designs, „wirklich tolle Arbeiten“, so der Canvasco-Gründer.

Verkauft werden die Produkte übrigens Online sowie in zahlreichen deutschen Läden. Einzelne Händler gibt es auch in Frankreich, den USA und Japan. So überqueren einige der Bremer Taschen sogar den Ozean und bringen die Schicksale der JVA-Frauen indirekt in alle Welt – auch wenn die Frauen anonym bleiben und man die Geschichten hinter Gittern nur erahnen kann.

 

 

 

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